Männersonntag 2012

Vorbildlich? Vorbildlich!

Und als Jesus sich auf den Weg machte, kam einer gelaufen und warf sich vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um ewiges Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott. Du kennst die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen, du sollst niemanden berauben, ehre deinen Vater und deine Mutter. Er sagte zu ihm: Meister, das alles habe ich befolgt von Jugend an. Jesus blickte ihn an, gewann ihn lieb und sagte zu ihm: Eines fehlt dir. Geh, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir!

Der aber war entsetzt über dieses Wort und ging traurig fort; denn er hatte viele Güter. Da blickt Jesus um sich und sagt zu seinen Jüngern: Wie schwer kommen doch die Begüterten ins Reich Gottes! Die Jünger aber erschraken über seine Worte. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes.

Sie aber waren bestürzt und sagten zueinander: Ja, wer kann dann gerettet werden? Jesus blickt sie an und spricht: Bei Menschen ist es unmöglich, nicht aber bei Gott. Denn alles ist möglich bei Gott.

(Markus 10, 17-27)

Liebe Gemeinde,

es gibt Texte, die kann man so für sich nehmen.

Da stimmt das, was man hört, mit dem was man hören soll, zu fast 100 % überein:

Und dann gibt es diese Texte in der Bibel, die man sich genauer angucken muss, die ein bisschen sperriger sind. Wo man sozusagen zwischen den Zeilen lesen muss.

Dieses Zwischen-den-Zeilen-lesen nennt man Exegese oder auch Auslegung. Dieser Text gehört dazu. Ich möchte mit Ihnen einfach mal ein paar Dinge durchgehen, die mir bei der Auslegung dieses Textes aufgefallen sind.

Zunächst einmal eine Besonderheit des Markus-Evangeliums: Markus war nämlich der erste, der überhaupt ein Evangelium geschrieben hat. In der antiken Welt war es ganz und gäbe, Biografien über berühmte Persönlichkeiten zu schreiben. Deshalb verwundert es nicht, wenn Markus so berührt ist, von dem was er bei oder Jesus erlebt hat, dass er über Jesu Leben eine Biografie schreibt.

Aber besonders ist es, dass Markus nicht im Beschreiben der Situationen von Jesu Leben stehen bleibt:

Er schreibt sein Evangelium mit einem Ziel: Er will die Menschen, die das lesen, zum Glauben bringen. Was er schreibt, ist ein Aufruf zur Nachfolge! Für uns heute normal. Wir kenne es nicht anders. Doch Markus hat damit einen Stein ins Rollen gebracht!

Noch andere, von denen uns Lukas, Johannes und Matthäus vertraut sind, folgen seinem Beispiel und schreiben Berichte über das Leben und Sterben und Auferstehen Jesu Christi mit dem Ziel, die Gute Nachricht zu verbreiten.

Doch noch etwas ist besonders an Markus: In seinem Evangelium ist Christus nicht einem Glorienschein umgeben. Sondern das, worauf bei Markus alles hinausläuft, ist der gekreuzigte Christus! Der Sieg Gottes durch eine scheinbare Niederlage!

Und das zieht sich durch das ganze Evangelium: Bei Markus geht es immer um diese Diskrepanz zwischen Macht und scheinbarer Ohnmacht. Darum, dass Jesus die Herrschaftsverhältnisse auf den Kopf stellt. Darum, dass Menschen sich nicht verlassen können auf ihre eigenen Fähigkeiten oder ihre Herkunft oder ihr Vermögen.

Es wird alles in Frage gestellt. Nichts bleibt so, wie es scheint. Das zieht sich durch das ganze Evangelium.

Die Kontraste werden sogar immer größer, je weiter die Zeit und damit der Weg Jesu hin zu seiner Kreuzigung voranschreitet:

Stehen am Anfang noch viele Erzählungen über Wundertaten und Heilungen durch Jesus, über zeichenhafte Speisungen von Tausenden und die Auferweckung eines toten Mädchens im Vordergrund, wandelt sich der Fokus mit dem Weg den Jesus nach Jerusalem nimmt. Jesus kündigt seinen Jüngern an, was geschehen wird. Dass er leiden wird und sterben muss. Und dass er wieder auferstehen wird.

Doch die Jünger verstehen es nicht. Sie wollen es nicht verstehen. Dreimal spricht Jesus zu ihnen. Dreimal können sie es nicht glauben. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Jesus kündigt an, dass er leiden und sterben muss, und die Jünger machen sich mehr Gedanken darüber, wer von ihnen der Größte und Wichtigste sei! Welchen Lohn sie dafür bekommen, dass sie Jesus nachfolgen!

In diesen Kontext stellt Markus dann die Geschichte von dem reichen Mann, die wir heute als Predigttext haben. Auch dies ist eine besondere Geschichte:

Von der Form her, gehört es zu den Streit- und Schulgesprächen. Davon gibt es in den Evangelien eine ganze Reihe. z.B. wenn die Gruppe der Pharisäer und Schriftgelehrten zu Jesus kommt und versucht, ihn mit spitzfindigen Fragen aufs Glatteis zu führen. Das wäre dann ein Streitgespräch.

Dann gibt es so genannte Schulgespräche. Gespräche von Menschen mit Jesus, die offensichtlich nach etwas suchen und durch die Begegnung mit Jesus verändert werden. Aus dem JohEV kennen wir z.B. die Geschichte von Nikodemus, der Jesus fragt, wie man wiedergeboren werden kann.

Was wir hier vor uns haben, ist weder das eine noch das Andere. Ein Mann kommt zu Jesus und scheint wirklich etwas von Jesus zu wollen. Er scheint ein guter Mensch zu sein. Und doch dreht er sich traurig um und geht seines Weges, als er Jesus Aufforderung hört, er solle Hab und Gut verkaufen.

Das ist wirklich eine ganz einzigartige Stelle! Eine große Ausnahme!

Ich betone das deshalb, weil man so schnell dabei ist, die Forderung, die Jesus stellt wörtlich zu nehmen und als absolut zu setzen! Um einen solchen Absolutheitsanspruch daraus zu ziehen, ist diese Stelle einfach zu individuell und einzigartig. Und das bringt mich dazu, noch mal genauer den Text anzuschauen:

Wenn ein Erzähler wie Markus, eine Geschichte, die sehr aus dem üblichen Rahmen fällt, erzählt, dann doch bestimmt mit einem klaren Ziel. Und der Schlüssel liegt wieder mal in der Diskrepanz. In dem, was fehlt.

Noch einmal die ersten Verse:

Und als Jesus sich auf den Weg machte, kam einer gelaufen und warf sich vor ihm auf die Knie und fragte ihn:  Guter Meister, was muss ich tun, um ewiges Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott. Du kennst die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen, du sollst niemanden berauben, ehre deinen Vater und deine Mutter. Er sagte zu ihm: Meister, das alles habe ich befolgt von Jugend an.

Ich könnte jetzt mal in die Runde fragen, wem aufgefallen ist, welche Gebote da fehlen? Es sind die Gebote, die der ersten der beiden Tafeln zugeordnet werden. Nämlich die Gebote, die zur rechten Gottesbeziehung aufrufen:

Keine anderen Götter anzubeten, sich kein Bild von Gott zu machen, den Namen Gottes nicht zu missbrauche und den Sabbat zu heiligen.

Das ist schon recht merkwürdig, dass ausgerechnet diese Gebote von Jesus nicht genannt werden und vor allem, dass der reiche und gottesfürchtige Mann es nicht bemerkt. Ist doch das oberste Gebot der Juden das sogenannte „Schma israel“ aus dem 5. Buch Mose

„Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.

Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“

Doch das wird nicht genannt. Vielleicht ist es so selbstverständlich für den reichen Mann, dass er nicht erwähnen muss. Ich glaube aber, es soll ein Hinweis sein, auf das, was nun folgt. Jesus sagt nun zu ihm:

„Geh hin und verkaufe alle, was du hast und gib es den Armen und dann folge mir nach!“

Und damit verstummt das Gespräch. Der Mann wird traurig und geht. In anderen Gesprächen, die Menschen mit Jesus führen, lassen diese nicht locker. Sie bleiben dran an Jesus, bis sie das bekommen, was sie wollen. Hier diskutiert der Mann nicht mal. Er wird auch nicht wütend und sagt: „Das ist zu viel, wie kannst du das von mir erwarten?!“

Nein, er gibt auf. Vielleicht hat er selbst erkannt, dass er das nicht schaffen wird: Alles, was ihm lieb und  teuer verkaufen. Vielleicht ist es ihm das auch nicht wert. Vielleicht war sein frommes Getue nur eben frommes Getue. Das wissen wir nicht.

Denn er geht raus aus dem Gespräch. Raus aus der Beziehung zu Jesus. Und nimmt sich so selbst die Chance zur Veränderung!

Und das ist so schade, denn er hat ja vieles gut gemacht! Die Gebote zu halten ist ja eine Leistung! Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass der Mann sich nicht gewürdigt gefühlt hat, in dem was er schon geleistet hat.

Sondern das Gefühl hatte: „Es wird immer noch mehr von mir verlangt! Es ist nie genug!“

Das kommt mir bekannt vor: In Beruf und Familie und Ehrenamt immer 100% zu geben. Und die eigenen Interessen hintenan zu stellen. Und trotzdem kommt dann irgendeiner der meckert:

Wo warst du denn das letzte Mal, als…?

Kannst du nicht endlich mal…..???

Musst du denn schon wieder weg?

Kannst du nicht einmal bleiben und dich um deine Familie kümmern?

Das sind so Momente, da möchte man sich einfach nur in seine Höhle zurückziehen und nichts mehr hören und sehen. Winterschlaf wäre dann gut.

Vielleicht aber die Flucht nach Vorne: Emsige Betriebsamkeit. Machen, machen, machen. Nur ja keine weitere Schwäche zeigen.

Oder man ertappt sich dabei, wie man den Anderen auf einmal anblafft und runterputzt, weil tatsächlich etwas wahres daran ist, aber man das auf keinen Fall zugeben kann.

Sich überall zu 100% einzubringen, kann nicht klappen. Irgendetwas bleibt immer auf der Strecke. Aber was gibt es für Alternativen?

Der Arbeitsmarkt ist nicht so, dass man sich auf der Arbeit einen Lenz machen kann. Und die Anforderungen an Männer und Frauen in Ehe und Familie steigen seit Jahren immer mehr: Der Mann soll nicht nur der Versorger sein, sondern auch Zeit mit seinen Kindern verbringen. Er soll das Bedürfnis der Frau nach Romantik erfüllen und im Haushalt mithelfen.

Auch von Frauen wird immer mehr erwartet: Mit 50 darf man inzwischen nicht aussehen, als wäre man 50. Frau sollte schon etwas tun, um sich den knackigen Körper einer jüngeren Frau zu erhalten. Sie ist verantwortlich dafür (und da ist die Rollenverteilung immer noch eindeutig) dass die Kinder bestmöglich gefördert werden: Mindesten Hockeyspielen, Geigenunterricht und Japanisch muss dabei sein. und und und

Immer unter der Prämisse, dass etwas nur zählt, wenn es 100%ig gut ist.

Ist denn das so?

Eingangs habe ich gesagt, dass es heute um „Vorbilder“ gehen wird. Die Frage danach, was vorbildliches Verhalten ist und wer einem Menschen zum Vorbild geworden ist, beschäftigt mich seit 2 Wochen. Und ich habe diese Frage in den letzten 14 Tagen vielen Menschen gestellt. Vor allem Männern.

Unter Anderem habe ich sie auch meinem Blog im Internet veröffentlicht und immer mal wieder bei Twitter danach gefragt.

Es haben sich daraus hochspannende Unterhaltungen ergeben, die ich gar nicht alle wiedergeben kann. Aber ich möchte ein paar Antworten, die ich für beispielhaft halte, wiedergeben:

Ein Mann sagte: Für ihn seien Vorbilder

„Männer die zeigen, wissen, erklären, zupacken können, von selber Arbeit sehen, Visionen haben und mich anstecken sich aber nicht in den Vordergrund rücken. Männer mit Fehlern und Macken.“

Auf die Frage: Was wollt ihr euren Kindern weitergeben, kamen folgende Antworten:

„Ich möchte möglichst das sagen, was ich meine und das meinen, was ich sage.“

Und

„Als Vater kann ich versuchen, meinen Kindern ein gutes und lebendiges Vorbild zu sein.“

Ein Anderer sagte dazu:

„Aufrecht gehen, immer die Wahrheit sagen, niemals sich selbst wichtiger zu nehmen als die Anderen und die anderen.
Ich sag nicht, dass es immer gelingt, aber das sollen sich die Kinder abschauen“

Ein weiterer hatte eine ganze Liste von Eigenschaften, die er gerne seinen Söhnen weitergeben wollte. Und ganz unten in der Aufzählung fand ich:

„Helfen und Hilfe annehmen  und  Sich selbst in Frage stellen“

Anscheinend ist es doch gar nicht so wichtig, 100% perfekt zu sein, und alle Anforderungen zu erfüllen. Wir können ein Vorbild für andere Menschen werden, gerade dann, wenn wir unsere Fehler eingestehen. Gerade dann wenn es nicht perfekt läuft.

Gehen wir zurück zum Text: Was wäre geschehen, wenn der reiche Mann anders reagiert hätte. Wenn er gesagt hätte:

„Jesus, das kann ich nicht!“

Was hätte sich ergeben können! Vielleicht ein ähnliches Wunder, wie bei der Speisung der 5000. Als die Jünger sich fragten, woher sie das Geld für genügend Brot herbekommen sollten, während Jesus die Menschenmenge mit 5 Broten und 2 Fischen satt bekam.

Nun, so etwas ist nicht passiert. Aber es sollte uns trotzdem nicht entmutigen! Auch unser Glaube ist oft nicht perfekt, und wir bleiben hinter dem zurück, was wir eigentlich machen wollen. Das ist so und das gehört zu unserem Menschsein.

Es gibt so vieles, was uns das Glauben schwer macht. Und was uns daran hindert, Jesus nachzufolgen. Der Alltag, viele widersprüchliche Anforderungen, eigene Bequemlichkeit, aber auch alte Verletzungen und eigene Bedürfnisse. Und auch die Erfahrungen von Leid und Schmerz. So viel schleppen wir mit uns rum.

Das ist unser Besitz, der uns belastet. Der uns unfrei macht. Dass es uns unmöglich macht, richtig zu glauben! Und doch ist das nicht das letzte Wort!

Das letzte Wort in unserer Geschichte kommt von Jesus, und er sagt;

Bei Menschen ist vieles unmöglich, nicht aber bei Gott.

Denn alles ist möglich bei Gott.

Aus eigener Kraft „gut“ sein zu wollen, bringt mich an meine Grenzen. Zu Kapitulieren und zu sagen, „Ich kann das nicht, Gott, hilf mir“, das eröffnet neue Wege.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

3 Gedanken zu „Männersonntag 2012

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