Karfreitag

Die Passion Christi hat eine lange Vorlaufzeit. Die Geschichte Gottes mit den Menschen geht weit in die Vergangenheit zurück. Zeugnis davon legen die Bücher der Bibel ab.

Wenn man die Bibel liest, könnte man sagen, sie ist voller Geschichten. Spannender und auch manchmal unverständlicher Geschichten. Man könnte auch sagen, es ist EINE Geschichte. EINE Geschichte, die davon handelt, wie Gott immer wieder die Menschen sucht. Wie er immer wieder auf die Menschen zu geht.

Von Beginn an: Gott ist der Schöpfer, der dem Menschen seinen eigenen Atem einhaucht, auf dass er zu Gottes Ebenbild würde.

Doch mit dem Schöpfungsakt ist es nicht getan: Gott sucht immer wieder den ganz persönlichen Kontakt zu Menschen.  Er offenbart sich den Menschen und begleitet sie.  Gott  lässt sogar mit sich handeln.  Und sogar ringen darf man mit ihm.

Das Leiden seines Volkes dauert ihn so sehr, dass er höchstpersönlich einen Menschen beruft, der das Volk herausführen soll. Mit manchen Menschen redet mit Gott wie mit einem Freund. Und er offenbart  sich Menschen, die zweifeln und klagen.

Die Bibel ist voll von Geschichten, in denen sich Gott den Menschen zuwendet. Natürlich, denn Gottes Name an sich ist schon Programm. „Ich bin, der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde“ so wird das Tetragramm JHWH gern übersetzt.

Oder auch ganz kurz „Ich bin da“.

„Ich bin für euch da“

Und so zieht sich Gottes Gegenwart durch die Geschichte der Menschheit. Und sie erschöpft sich nie nur im Da-Sein Gottes, sondern ist immer verbunden mit Gottes Wirken. Mit seinem Handeln, das dem Menschen Rettung und Hilfe bringt.

So ist Gott in der Vorstellung der Menschen präsent. Als der, der mit seinem Eingreifen einen Ausweg aus Gefangenschaft und Sklaverei bringt. Der Stadtmauern durch Posaunenschall einstürzen lässt; der feindliche Heere nur durch die Erwähnung seines Namens in die Flucht schlägt. Der aber auch ein ganzes Volk über Jahrzehnte hinweg in einer Wüste mit Nahrung versorgt und mitten unter ihnen sein Zelt aufschlägt.

Doch es ist auch die Geschichte Gottes mit den Menschen, die ihm nicht glauben.

Die nicht auf ihn vertrauen, sondern ihrem eigenen Willen folgen. Erzählungen, die wir schon vielfach gehört haben. Menschen, die ihren eigenen Bruder ermorden. Die sich Statuen aus Holz oder Gold machen, um sie anzubeten. Die zu ihrem eigenen Ruhm Bauwerke errichten und Kriege führen. Auch davon ist die Bibel voll:

Von Beispielen dafür, wie Menschen Gott NICHT geglaubt haben. Wie sie seine Verheißungen angezweifelt haben, seine Wirksamkeit bestritten, seine Macht für gering erachtet haben. Wie sie sich von ihm distanziert haben und sich auf ihre eigenen Kräfte, oder die anderer Götzen verlassen haben.

Aber Gott ist und bleibt ein liebender Gott, ein suchender Gott. Ein Gott, der schon im Garten Eden hinter dem Mensch herläuft und ihn ruft. „Mensch, wo bist du?“

Und so erscheint es fast zwangsläufig, wie weit Gott noch geht! Gott, der Schöpfer begibt sich auf dieselbe Ebene wie seine Schöpfung.  Um dem Menschen ein wirkliches Gegenüber zu werden. Ihm Auge in Auge gegenüberzustehen. Dafür nimmt er vieles auf sich. Er erträgt alle Unzulänglichkeiten und Unvollkommenheiten des Menschsseins:

Erträgt es, abhängig zu sein von anderen Menschen, von der Erfüllung körperlicher Bedürfnisse. Und in seiner Wirksamkeit begrenzt zu sein, durch die Tatsache, dass Menschen zur gleichen Zeit immer nur an einem Ort sein können. Und jetzt ist er Jesus, Sohn eines Zimmermannes, Mensch unter Menschen.

Und wieder hilft er den Menschen. Durch kleine und größere Wunder, durch viele viele Heilungen und durch seine Predigten, die die Menschen zu Gott führen. Doch für Gott ist es immer noch zuwenig. Nichts, gar nichts mehr soll zwischen dem Menschen und ihm stehen. Und es ist immer noch soviel, was da noch zwischen Gott und den Menschen, aber auch zwischen den Menschen selber ist. Hass und Verachtung, Unglauben und Angst und vor allem Misstrauen und Zweifel. Dabei zweifeln die Menschen vielleicht gar nicht so sehr an Jesus selber. Aber sie zweifeln daran, dass es richtig sei, was er macht. Die Einen wollen, dass er seine Stärke zeigt und die feindlichen Römer aus dem verheißenen Land vertreibt. Andere wollen, dass er bitteschön genauso denkt und handelt wie sie. Nur ja nichts Neues. Keine Experimente. Und wieder Anderen ist er zu unbequem mit seinen Worten und Taten.

Sie möchten schon, dass Gott hilft. Aber sie haben auch ganz genaue Vorstellungen davon WIE und auf welche Weise es geschehen soll. Und was dann geschieht, hat eine erschreckende Zwangsläufigkeit.

Zwangsläufigkeit insofern, denn die Antwort der Menschen auf Gottes Gerechtigkeit

lautet Schlechtigkeit.

Wo Gott Rechtsspruch erwartet,

gibt es nur Rechtsbruch.

Und so wird Jesu Ermordung geplant,

er wird verraten,

verhört,

gequält

und ans Kreuz geschlagen.

Die Menschen haben wieder einmal ihr Ziel erreicht. Sie haben bewiesen, dass sie die Mächtigen sind. Mächtiger als Gott. Jesus ist ihnen ausgeliefert. Und um dieses Machtgefälle deutlich zu machen, verspotten sie ihn. Hilf dir selbst. Diesen Satz haben wir es eben dreimal in der Passionsgeschichte gehört.  Hilf dir selbst, so sagen es erst die Oberen der Gemeinde zu Jesus. Hilf dir selbst, bist du nicht der Judenkönig? sagen auch die Soldaten. Und hilf dir selbst, das sagt auch einer der beiden Übeltäter, der neben Jesus gekreuzigt wurde.  Hilf dir selbst. Sie wollen Jesus und seinen Jünger noch mal so richtig zeigen, wie ausgeliefert Jesus ist.

Dass er keine Macht hat und nur noch ein Opfer ist.

Doch das funktioniert nicht.

Und die Geschichte von Jesu Kreuzigung und Tod beschreibt dies ganz fein. Jesus am Kreuz und um ihn herum Zuschauer. Die Oberen des jüdischen Volkes, Soldaten, und einfaches Volk. Und Jesu Jüngerinnen und Jünger.

Wer ist hier wirklich der Ausgelieferte?

Es ist nicht Jesus. Es sind die Menschen, die sich selbst zu Zuschauern gemacht haben. Die nur noch zusehen können und den Tod Jesu nicht mehr aufhalten können. Sie sind die wirklich Machtlosen. Sie können nur zusehen und versuchen, mit ihren Gefühlen der Schuld irgendwie umzugehen. Die einen tun es durch Distanzierung, durch Spott und Hohn, und dadurch dass sie ihr Herz verhärten. Andere werden fassungslos da stehen und voll Trauer und Schuldgefühlen verzweifeln.

Jesus aber ist nicht machtlos. Er bleibt nicht hilflos dem Geschehen ausgeliefert. Er betet. Er vertraut auf Gott. Er betet für die Menschen, die an ihm zum Mörder werden. Er verheißt dem verurteilten Verbrecher, dass er noch mit ihm im Paradies sein werde. Und er gibt sein Leben in Gottes Hand. Der, der die Macht hat, nutzt sie nicht für sich. Der, der sich retten könnte, vertraut einzig und allein auf Gottes Hilfe. Und wird eben dadurch zur Rettung für genau die Menschen, die schuldig geworden sind.

Am deutlichsten wird dies an der kleinen Episode mit den verurteilten Verbrecher. Der Eine, der spottet. Er sagt: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Doch er wird zurecht gewiesen, von dem zweiten Verurteilten: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch vom gleichen Urteil betroffen bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Ein Mensch, der von sich sagt, er habe den Tod verdient für seine Verbrechen.

Ein Mann, der sich seiner Schuld bewusst ist. Doch er erkennt Jesus. Und er äußert diese einzige kleine Bitte: „Jesus, denk an mich, wenn du in deinem Reich bist.“ Und das allein reicht. Es reicht für Jesus, um ihm im Paradies einen Platz an seiner Seite zu zu sagen. Auch in seiner Machtlosigkeit hat Jesus das letzte Wort.

Nicht die Schuld des Verbrechers hat das letzte Wort. Das Todesurteil ist nicht das endgültige Urteil, dass über ihn gesprochen wird. Sondern Jesu Verheißung. Dort am Kreuz wird die Welt auf den Kopf gestellt.

Die Geschichte Gottes mit den Menschen wird weitergehen. Und sie wird so weitergehen, wie sie es in der Vergangenheit schon tat. Gott sucht den Menschen und läuft ihm immer wieder nach. Und die Menschen werden Gott leugnen, ihn vergessen, verspotten und sich von ihm abwenden.

Wir werden Gott leugnen, ihn vergessen und uns von ihm abwenden, um unseren eigenen Geschäften nach zu gehen. Um das zu sehen, braucht man kein Prophet zu sein. Und doch haben wir das eine Wort, dass uns aus diesem Karussell heraushilft.

Jesus, denk an mich, wenn du in deinem Reich bist.

Jesus, denk an mich.

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